Volker Zotz beschreibt die faszinierende Geschichte der Beziehung zwischen Buddhismus und deuschter Kultur zwischen Modetrends udn Erwachen des Westens.
Pressestimmen
Volker Zotz' kritische Geschichte der deutschen Buddhisten
«Auf den glückseligen Inseln» feiert Nietzsche, der von sich glaubte, er könne der Buddha Europas werden, und doch mit der «indischen Circe, dem Nichts», nichts im Sinn hatte, im zweiten Teil des «Zarathustra» den Tod der Götter und die Schaffung des Übermenschen. Auf einer «glückseligen Insel», der Kokosinsel Polgasduwa in Südceylon, lässt sich 1911 der deutsch-buddhistische Mönch Nyanatiloka (vormals Anton Gueth) nieder, um seine Pali-Studien zu treiben und so auch philologisch der Achtsamkeitsmeditation zu pflegen.
«Auf den glückseligen Inseln», wieder im Plural, lokalisiert jetzt der Religionskomparatist und Buddhismus-Experte Volker Zotz die verschiedenen Stationen der deutsch-buddhistischen Begegnung. Doch bei näherer Betrachtung muss man auf diesen Inseln, wie Zotz mit einem feinen, erleuchteten Lächeln zeigt, auch reichlich mit Moskitos, Kobras und einigen anderen Stimulanzien der Erlösungssehnsucht rechnen. Schon diese Ironie unterscheidet Zotz' Buch wohltuend von den esoterischen Anverwandlungsversuchen, die derzeit das neobuddhistische Kino und beträchtliche Segmente der Verlagslandschaft kennzeichnen und, scheinbar voller Demut gegenüber dem aus dem Osten leuchtenden Heil, den Buddhismus entschlossen über ihre Leisten schlagen.
Das Buch gibt die hier mehr denn je nötige Distanz nicht preis. Es ist rezeptionskritisch und europäisch selbstkritisch. Der Autor tut alles, seinen Ruf als «Euromasochist» zu verdienen, ohne zum umstandslos Buddhophilen zu werden. Insgesamt ordnet sich das Buch in eine Reihe von neueren Titeln ein, die das Interesse am Buddhismus wie an westlicher Selbstinfragestellung nicht in eine neue Blindheit münden lassen, zuvor etwa Helmut Zanders «Geschichte der Seelenwanderung in Europa», Brian A. Victorias «Zen, Nationalismus und Krieg» oder Martin Brauens «Traumwelt Tibet».
Zotz beginnt mit fünf ausgreifenden Thesen, die das Verhältnis von Europa und Asien grundsätzlich betreffen; so stellt er der europäischen «Tendenz zu klarer Identifikation, territorialer Vereinigung und Vereinheitlichung» den als chaotisch erlebten asiatischen Pluralismus entgegen, der westlichen Selbstbehauptung den Buddha als «die konsequenteste Gestalt der Selbstgenügsamkeit», dem westlichen Rationalismus das Orientalische als eine Art von «innerem Asien». Das ist erhellend, aber auch vereinfachend. Den grossen Alexander, den noch grösseren Hellenismus, die Gandhara-Zeit als erstes Zeitalter einer kulturellen Globalisierung kann man auch weniger imperialistisch sehen.
Das Schwergewicht liegt auf der Geschichte der deutsch-buddhistischen Begegnung, von Leibniz, Kant und Herder über die indologische Romantik, Schopenhauer, Wagner und Nietzsche bis zu Fritz Mauthner und Hermann Hesse, Rudolf Steiner und C. G. Jung. Besonders instruktiv sind die Kapitel über Karl Eugen Neumann und Karl Seidenstücker, die altbuddhistische Gemeinde Georg Grimms und die neobuddhistische Paul Dahlkes, einen fast Unbekannten wie den österreichischen Juden Emil Lucka; sodann die Passagen über die Kompromisse der deutschen Buddhisten, auch eines Nyanatiloka, mit dem Nationalsozialismus: die Mesalliance von Swastika und Hakenkreuz, den Pseudolamaismus des politisch aufrechten Anagarika Govinda, den Bogenschützen-Buddhismus eines Zen-Klassikers wie Eugen Herrigel. Man wird sich vermutlich nicht so schnell davon erholen: Wie bei Victoria geraten sakrosankteste Namen ins Zwielicht.
Problematisch wird das Buch gelegentlich aus philosophischer Sicht, etwa wenn es noch in der Apologie des Buddhismus gegen den Vorwurf des Nihilismus, der Vergöttlichung des Nichts, die europäische Nichts-Phobie und die obligate «Überwindung des Nihilismus» als Ausgangsbedingung akzeptieren zu müssen glaubt. Geradezu misslungen sind einige Kapitel über die philosophiehistorischen Schlüsselfiguren der deutsch-buddhistischen Begegnung. Leibniz' und Kants Auseinandersetzungen mit dem buddhistischen «Nihilismus» sind komplexer, als bei Zotz zu erkennen ist. Das natürlich zentrale Kapitel über den ersten grossen Eurobuddhisten: über Schopenhauer, kommt in einigen Passagen einer Entstellung gleich.
Schopenhauers mühseliger, aber auch zäher Erkenntnisweg zum Buddhismus über den Indologen und Herder-Freund Friedrich Majer, über die Tertiärübersetzung des «Oupnekhat» (der Upanischaden) durch Anquetil-Dupemon wird nicht differenziert genug nachgezeichnet. Selbst die fehlgehende Verquickung des Vedanta-Brahman-Atman mit dem buddhistischen «Nibbana» lässt sich verstehen, wenn man Schopenhauers Reduzierung des «absoluten Nichts» auf das bloss relative hinzu nimmt: den Punkt, wo selbst er dem konsequenten Nihilismus ausweicht.
Vor allem muss man frontal widersprechen, wenn Zotz Schopenhauers nicht hinwegzudiskutierenden Antijudaismus mit dem antisemitischen Rassismus, am Ende mit dem Nationalsozialismus kurzschliesst. Schopenhauers Antijudaismus, soweit er über die Vorurteile seiner Zeit und seiner Klasse hinaus von Bedeutung ist, bezieht sich auf den jüdischen Theismus und Optimismus, der nach Schopenhauers Einschätzung das «ruchlose» Tedeum zu einer ganzen Welt der Leiden sang. Von einem antisemitischen arischen Rassismus ist bei Schopenhauer keinerlei Spur.
Aber es reicht auch so, was alles in der Welt der angeblich Erleuchteten am Leitfaden dieses desillusionierenden Buches an Dunkelmännerei zu verzeichnen ist. Nur schlüssig daher, wenn Zotz an den Schluss seines Buches das kritisch gewendete Kitschwort der neueren Esoterik stellt, das «Loslassen»: «Ist der Buddhismus ein Weg des Loslassens, sind vielleicht gerade jene die konsequentesten Buddhisten, die ihn wieder verlassen.» Der im letzten Jahr verstorbene buddhistische Anti-Guru Godwin Samararatne, einer der Bewohner der «glückseligen Inseln», hat es lächelnd so gesagt: «Don't be a Buddhist!»
Ludger Lütkehaus -- Neue Zürcher Zeitung
Über den Autor und weitere Mitwirkende
Volker Zotz, Philosophie- und Kulturhistoriker, arbeitete bis 1999 an buddhismuskundlichen Forschungsprojekten der Universitäten Ryukoku und Otani in Kyoto (Japan). Zur Zeit lehrt er an der Universität Luxemburg antike Geistesgeschichte und Philosophie. Mehr als 20 Buchveröffentlichungen.